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Vom Bänker zum Surfer – Teil 3 – Geistesblitz

Lesson 4

So kam es, dass ich mich in den darauffolgenden Wochen zum ersten
Mal wahrhaftig mit mir selbst, anstatt mit meinem programmierten
Verstand unterhielt.

Ich fragte mich, was ich wahrhaftig mit meinem
Leben anstellen wolle. Und ich muss an dieser Stelle leider
enttäuschen - es kam kein Engel bei hellstem Sonnenschein aus dem
Himmel herabgestiegen, um mir einen sanften Kuss auf die Stirn zu
geben und mir ins Ohr zu flüstern

"Geh surfen, mein Kind!".

Ich entschied mich lediglich dazu, meine berufliche Laufbahn
wieder in die Richtung zu lenken, die mir lag und wirklich Spaß
machte - den Fremdsprachen.

Ich bewarb mich für das englischsprachige Programm "International Management" an der Hochschule Osnabrück und man öffnete mir zu meiner Freude die Pforten. Meine Lebensqualität erlitt schlagartig einen positiven Qualitätssprung von etwa 1436% und ich fing an, wieder unbesorgt und mit einem Lächeln durch das Leben zu hopsen.

Für zwei Jahre war ich zwar "landlocked" in Osnabrück, jedoch
durfte ich dort aufgrund meines Studienprogramms unzählig viele
internationale Kontakte knüpfen.

Ja, das beinhaltet auch eine herzzerreißende Liebesgeschichte mit einer Amerikanerin. Die Liebe ist schlussendlich eine Saite auf der Geige des Lebens, die man mit seinem Bogen nur schwer vermeiden kann.

Zu dem Zeitpunkt meines Lebens hatte ich mir jedoch nicht
einmal ansatzweise vorgenommen oder vorstellen können, eines Tages mal mit beiden Beinen fest im Sand zu stehen (10).

Im Rückblick kann ich jedoch erkennen, dass an dieser Stelle bereits die ersten Rädchen anfingen ineinander zu greifen und mich zum Leben am Strand zu führen.

Zwei Jahre nach meiner Zeit in Deutschland stand mein
Auslandssemester in der andalusischen Stadt Cádiz an. Die Pläne
zum Schreiben meiner Bachelorarbeit musste ich bereits vor Antritt
der Reise nach Cádiz schmieden, da ich die Bachelorarbeit direkt
nach meinem Auslandssemester schreiben sollte.

Ich denke der Großteil aller Studenten fragt sich zu diesem Zeitpunkt so ziemlich die gleichen Fragen, wenn es um die Auswahl des Unternehmens
geht, bei dem man seine Bachelorarbeit schreibt. Die eines
ahnungslosen, verwirrten Studenten, der nicht viel mehr über seine
berufliche Zukunft weiß, als sein 5-jähriges Ich.

„Was will ich später einmal machen? Welches Unternehmen bringt mich
weiter? Wo verdiene ich später genug Geld? Bei welchem Unternehmen komme ich rein? Was macht sich gut im Lebenslauf? Welche Jobs machen mir überhaupt Spaß?“


An dieser Stelle hatte ich Glück. Der Zeitpunkt war
gekommen, an dem der bereits erwähnte Engel in Form meiner
Dozentin aus dem Himmel stieg.

Indirekt flüsterte sie sogar "Geh surfen, mein Kind!”.

Das notwendige Beratungsgespräch mit der guten Seele verlief
überraschend anders als gedacht (11)

"Was machst du gerne?"

Gleich zu Beginn des Gesprächs fragte sie mich eine eine verblüffend simple Frage:

Was machst du gerne?

Diese Frage konnte ich damals mit einem Wort beantworten:

"Surfen!".

Frau Dozentin fragte mich daraufhin, welche Jobs es denn
in der Szene gäbe und ob ich nicht an so ein Unternehmen
herankommen könnte.

Sie erklärte mir weiterhin, dass es ihr egal
sei, in welchem Unternehmen oder in welchem Land ich meine
Bachelorarbeit schreiben würde. Es dürfe sogar ein Laufhaus sein,
schließlich sei auch das ein Unternehmen, in dem man etwas lernen
könne (12).

Natürlich schossen mir sofort Firmen wie Quiksilver, Volcom
und Co in den Kopf. Wieder zurück in ein großes Unternehmen
wollte ich aber unter keinen Umständen. Also strengte ich mein
Cerebrum weiter an und durchforstete meinen hauptsächlich von
Unfug gefüllten Kopf.

Da war er dann - der Geistesblitz.

Surfcamps.

Surfcamps verkaufen Freude, Spaß und einen entspannten
Lebensstil auf authentische Art und Weise an ein internationales
Publikum.

Zudem läuft in den ganzen Surfcamps alles noch sehr
familiär ab. Wenn das mal nicht was für mich ist. Ich meine, wer
außer Miesepetern hat keine Lust auf gute Laune? (13).

So weit, so gut.

Mit dem neuen Ziel im Kopf überlegte ich mir dann einen diabolischen Plan. Wir hatten Juni und standen somit kurz vor den langen Sommer Semesterferien des Studiums. Ich entschloss mich also dazu, im Sommer ein paar Wochen in einem der Surfcamps meiner Lieblingsmarke zu verbringen, um dort dann hoffentlich auf einen der Gründer zu treffen.

Bei Star Surf Camps in Moliets angekommen, dauerte es keine
24 Stunden, bis ich einen der drei Gründer namens Joe aufspürte.

Er saß nachmittags mit seinen langen, von der Sonne blondierten
Haaren und einem kühlen Bier in der Hand im Gemeinschaftszelt.

Dabei grinste er freundlich, als er mich hereintreten sah.

Ich stellte mich kurz vor und erzählte Joe kurzerhand von meinem
ausgesprochen tollen Plan, meine Bachelorarbeit in seinem
Unternehmen zu schreiben. Joe ist erfreulicherweise ein schlaues
Kerlchen und sah direkt den Nutzen für beide Seiten darin.

Wir quatschten in den kommenden Tagen noch ab und an darüber, in
welche Richtung mein Thema gehen könnte und machten dann alles
in einem überaus männlichen Handschlag fix (14).

Die nötigen Formalitäten erledigten Joe und ich nach dem Sommer
per E-Mail, während ich gleichzeitig für mein Auslandssemester
sechs spannende Monate in Cádiz verbrachte.


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(10) Eine kleine Hommage an die bei mir in Ungnade verfallene Aussage "Mit beiden Beinen fest im Leben stehen."

(11) Für mich zumindest. Da ich hier keine Namen nennen möchte, bedanke ich mich nochmals in aller Anonymität unendlich doll bei der Dozentin für ihre Weitsicht. Ohne dich wäre ich definitiv woanders gelandet.

(12) Wenn du jetzt schmutzige Gedanken hattest, möchte ich dich grundlos mit Melonen bewerfen. Wir reden selbstverständlich von Dingen wie Marketing, Buchhaltung etc.

(13) Ach, ich vergaß. Wir sind in Deutschland, stimmt.

(14) Für diejenigen, die sich fragen, was ich gemacht hätte, wenn ich eine Absage bekommen hätte: Ich habe bewusst den Ort Moliets als Reiseziel auserkoren, da sich dort mehr als zehn verschiedene Surfcamps in einem Radius von etwa 500 Metern tummeln. Irgendein Surfcamp wird schon gewieft genug sein, den Vorteil einer hauseigenen Bachelorarbeit zu erkennen.

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