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Vom Bänker zum Surfer – Teil 4 – Abgetaucht in der Surfszene

Lesson 5

Der spanische, sonnige Lifestyle, das gute Essen und die
freundlichen Menschen im Süden von Spanien hatten es mir einfach angetan.

Nach meiner Zeit in Cádiz stand im Februar 2014 also das
Praktikum bei Star Surf Camps an. Was ich bis hierhin noch nicht
erwähnt habe - es fand in Star Surf's Büro auf Fuerteventura statt.

Ohne Umwege begab ich mich also in einem riesigen Eisenvogel
vom südlichen Spanien ins noch viel südlichere Spanien. Dort
angekommen, wurde ich herzlich in dem kleinen, damals 5-Mann
großen Büro aufgenommen.

Neben den aufgeschlossenen und lustigen Gründern Joe, Pablo und Sami waren dort noch zwei weitere Arbeitskollegen zu finden. Diese zwei, Tim und Marina, waren zeitgleich meine Mitbewohner in einem schicken Apartment direkt am Strand.

Tim war damals der Grafiker von Star Surf Camps. Er ist
obendrein ein ungemein talentierter und schnell aufgehender Stern
am Himmel der Surf-Fotografie.

Die herzallerliebste Marina war während des Praktikums meine Mentorin im Beruf. Sie brachte mir vieles von dem bei, was ich heute weiß.

Während meiner Zeit auf Fuerteventura wurde ich aufgrund
des kleinen Büro's in die verschiedensten Projekte des Unternehmens mit eingebunden und bekam einen sehr guten Eindruck von vielen Aspekten des Business‘.

Die Leute waren immer freundlich und es wurde auch hinter den Bühnen des Freudenzirkus extrem viel zusammen gelacht. Dabei spielte es keine Rolle, ob dein Gegenüber deine Arbeitskollegen oder eben Leute von
konkurrierenden Surfcamps waren (15).

Da ich nach meiner Zeit bei der Deutschen Bank schon wusste,
dass ich eines Tag am liebsten mein eigener Chef sein würde, habe
ich mich in dieser Phase meines Lebens viel mit dem Prozess der
Ideenfindung beschäftigt.

Ein irgendwo gelesener Spruch mit Bezug auf die Selbständigkeit, den ich während meiner Zeit bei Star Surf Camps ständig vor Augen hatte, sagt im Groben folgendes aus:

"Es ist leichter einen Fehler in bestehenden Systemen zu finden und diesen zu beheben, als das Rad neu zu erfinden."
(16)


Warum diese Aussage jetzt wichtig ist?

Weil dieser Spruch mich letzten Endes zur Gründung meines
ersten Unternehmens namens Wavebutler bewegte und generell zu
einer meiner Grundeinstellungen wurde.

Während des Praktikums bei Star Surf schaute ich stets, wo
man etwas im Unternehmen verbessern könnte und stieß bei den
Gründern immer auf offene Ohren.

Mein Verhalten geschah nicht nur aus Eigeninteresse, sondern auch im Interesse vom Unternehmen Star Surf Camps, mit dem ich mich sehr schnell identifizieren konnte.

Und das nicht nur, weil die Jungs mich den ganzen Tag - auch im Büro - barfuß herumlaufen ließen. Es ist meiner Meinung nach deutlich einfacher, sich intrinsisch für eine gewisse Arbeit zu motivieren, wenn man den Sinn dahinter sieht und weiß, für wen man das alles tut.

In diesem Falle war es der Traum der drei Gründer, hinter dem ich stand.

Im Falle der Deutschen Bank war es der Traum ... der Anleger und Aktionäre, hinter dem ich nicht stand?

Nach spannenden sechs Monaten auf Fuerteventura musste ich
zwischenzeitlich für die Sommermonate zurück nach Deutschland,
um dort meine Bachelorarbeit fertigzustellen und zu verteidigen. 

Nachdem das erledigt war, stellte sich wieder die Frage, was
ich aus meinem Leben machen möchte. Ich muss gestehen, dass ich
zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass ich mich den flauschigen
Tentakeln des Surfens nie wieder entziehen können würde.

Daher kam es mir sehr gelegen, dass Star Surf mich nach dem Sommer fest einstellen wollte (17)

Ehe ich mich versah, befand ich mich schon wieder bei Star Surf auf Fuerteventura.

Dort lernte ich weiterhin sehr viel, doch war mein kleines Herz
aufgrund der vorher kurz angedeuteten Liebesgeschichte
erbarmungslos zerrissen.

Die amerikanische Dame mit dem wohl süßesten Akzent und den amüsantesten Sprachfehlern der Welt litt in Berlin unter der
hiesigen Distanz zwischen uns, während es mir auf Fuerteventura
nicht viel besser erging. Zu lange spielte das Schicksal unserer Liebe
bereits einen Streich (18).

Letzten Endes empfand ich es eines Tages als unfair, sie extra aus Amerika nach Europa ziehen zu lassen, nur um mich dann vom einzigen Ort aus dem Staub zu machen, an dem sie aufgrund ihres Visums legal dauerhaft wohnen durfte. Von der Sehnsucht getrieben, bat ich Gründer Joe um die Erlaubnis zu gehen und suchte mir einen Job in Berlin.

Dass der Umzug nach Berlin für meine mentale Gesundheit
nicht sehr von Vorteil war, wurde mir schnell bewusst. Zu sehr war
ich abseits von Sonnenschein, dem Meer und den so heiß geliebten
Wellen, die ich mit meinem Surfbrett zähmen wollte.

Ein paar wertvolle Lektionen lernte ich in Berlin dennoch. Ich
würde gar sagen, dass ich ohne diesen kurzen Aufenthalt nicht da
wäre, wo ich jetzt bin.

Da war ich also - ein 100% vom Surfen abhängiger Mensch im
Großstadt-Jungle von Berlin, wo sich der Großteil aller Menschen am Wochenende glücklich feiert, anstatt sich dem kühlen Nass hinzugeben und sich über Wellen glücklich zu reiten.

Mein unterbezahlter Job bei einem mittlerweile gescheiterten
Startup bestand darin, den ganzen Tag Wohnungsvermieter
anzurufen und sie dazu zu bringen, sich kostenlos auf unserer
Airbnb ähnlichen Website listen zu lassen.

Um halb 8 morgens war ich im Büro und wenn ich Glück hatte, durfte ich es um 7 abends völlig erschöpft wieder verlassen. Viel Zeit, die Probleme mit der Liebe zu lösen, ließ das nicht. Aber immerhin lernte ich auf der
Arbeit eine Menge extrem interessanter Menschen sowie die
internen Abläufe und Tools eines zu schnell wachsenden Startups
kennen.

Nach gut zwei Monaten tauchte in meinem Kopf wieder mal
die Frage auf, für wen ich mir das Ganze eigentlich antue?

Gut, den Gründer des Startups lernte ich dieses Mal persönlich kennen und ich verstand seine Vision auch. Jedoch brannte ich kein Stück dafür.

Ich konnte in mir drin nicht das kleinste Bisschen den Wunsch
verspüren, den Wohnungsmarkt nachhaltig verändern zu wollen.
Zudem war ich mir bewusst, dass ich in dem Unternehmen nur einer
von über 100 frisch graduierten Studenten war, die am Telefon
saßen. So ein Kommen und Gehen, wie in dem Unternehmen hatte
ich noch nie zuvor gesehen. Nicht einmal bei den Sommerjobs der Surfcamps (19)

Wie bereits erwähnt, machte ich zeitgleich in Sachen Liebe
eher Schritte rückwärts, als vorwärts. Demnach öffnete ich meine
Flügel nach zwei Monaten wieder und wartete auf die nächste
Windböe, die mich zurück ans Wasser tragen sollte.

Wie das Schicksal so spielt, war Marina gerade zur gleichen
Zeit dabei, das Star Surf Büro zu verlassen. Jemand Neues wurde für
ihre Position gesucht. Ich war der Erste, den Joe diesbezüglich anrief
und ich gab ihm noch beim ersten Gespräch zu verstehen, dass mich
wirklich nichts in Berlin hielt und ich den Job gerne annehmen
würde.

Dass wir zudem ein neues Star Surf Büro in Plymouth eröffneten, war eine positive Überraschung obendrauf. Kurzerhand bei dem Startup gekündigt, befand ich mich ein paar Tage später in England und gab Joe eine dankende Umarmung (20)

Es folgte endlich die Zeit, in der ich so langsam einen klaren
Überblick darüber bekam, wie die Geschäfte im Surftourismus
ablaufen. Neben kleineren Online Marketing Aufgaben, war ich zu
Beginn viel mit dem Rekrutierungsprozess für die Sommerjobs von
Star Surf eingespannt und filterte für Joe die Bewerbungen, die zu
hunderten reinkamen. Diese Aufgabe fiel mir zu, da ich schließlich
in Zukunft den Star Surf Teams in den verschiedenen Ländern ihre
Belegungspläne etc. zuspielen sollte.

Da schon bald die Hauptsaison losging und ich für alle
Buchungen zuständig war, übergab Joe mir zudem die Handhabung
des Unternehmenskontos sowie die Kontaktpflege mit jeglichen
Partnern. Dies betraf sowohl andere Surfcamps als auch Vermittler.
Es lag ebenfalls an mir, mit Kunden zu kommunizieren und ihnen
bei Fragen zur Seite zu stehen.

Ich hatte zu der Zeit Zugang zu sämtlichen Zahlen von einem internationalen Surfcamp. Zeitgleich wusste ich, wann welcher Partner wieviel Geld von Star Surf zugespielt bekam. Langsam aber beständig fing es in meinem Kopf an klick...klack zu machen.

An diesem Punkt endet die eigentliche Erzählung schon, denn
mein Kopf war bereits von hunderten Wellen gewaschen sowie vom
Surf-Virus infiziert worden. Es war keine Frage mehr für mich, was
ich mit meinem Leben anstellen möchte.

Meine Zukunft war ab diesem Punkt für mich glasklar wie eine Welle, die vom Offshore-Wind glattgeblasen wird. Mein Fokus und meine Prioritäten hatten sich zu 100% gewendet.

Es ging mir nicht mehr darum, möglichst viel Geld zu machen,
sondern möglichst viel Zeit im Wasser zu verbringen. Es ging mir nicht mehr darum, möglichst schick herumzulaufen, sondern
möglichst viel Zeit barfuß verbringen zu können (21)

Natürlich bin ich mir auch bewusst, dass ich Geld zum Leben
brauche und dass es Sinn macht, für das Alter vorzusorgen.

Das eine schließt das Andere aber sicherlich nicht aus.

Während meiner Zeit bei Star Surf in England fing ich an zu
begreifen, dass mir von dort aus bereits alle möglichen Türen in der
Surfszene offen standen. Und das in einem Ausmaß, bei dem man
genügend Geld für einen einfachen, aber glücklichen Lebensstil verdienen konnte. Ich hätte auf Wunsch zu einem anderen Surf-Unternehmen wechseln können. Ich hätte langfristig bei Star Surf bleiben können.

Es wäre alles egal gewesen und hätte meinem Glück und meiner Lebensfreude keinen Abbruch getan.

Ich konnte in der relativ kurzen Zeit vom Ende meines Studiums bis hin zu der Position direkt unter den Gründern nicht nur eine Menge Erfahrung sammeln, sondern auch zuverlässige Freunde finden, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. In der Welt des Surfens ist die Grenze zwischen Chef, Mitarbeiter, Konkurrent und Freund sein, wie anfangs schon betont,  ganz, ganz schmal.

Das macht es so wundervoll, in dieser Branche zu arbeiten.
Doch all das war für mich nur der erste Schritt auf einem
langen Weg.

Ich schließe diese Kurzgeschichte mit einem kleinen Tipp
ab:

Solltest du dich ähnlich verloren fühlen, wie ich damals, dann
musst du dich nicht gleich in einen lebensgefährlichen Autounfall
begeben. Nimm' einfach dein Herz in die Hand und höre ein paar
Sekunden lang genau zu.

Schreib‘ mir bei Anregungen oder Fragen 🙂

In tiefer Liebe,

Gerrit


-----------


(15) Aloha, Shakas, Peace'n'love und so. 

(16) Liebe/r Originalverfasser/In - ich entschuldige mich hiermit zutiefst bei dir, dass ich deinen Satz nicht wortwörtlich wiedergeben oder gar zitieren konnte. Ich kaufe dir bei Gelegenheit eine Kugel Eis als Ausgleich.
Melde dich einfach.

(17) Wobei der Begriff „fest“ in der Branche so eine Sache ist. Wir reden hier schließlich vom Tourismus, in dem sich das Umfeld unglaublich schnell ändert. Besonders in der Surfszene. Kannst du nicht auch schon ganz leise in deinem Hinterkopf die nächste Welle an einem anderen Ort deinen Namen rufen hören?

(18) Ich hätte die Zeichen des Universums vielleicht auch schon früher deuten können.

(19) Und bei Sommerjobs ist es wenigstens so geplant, denn die Jobs schimpfen sich nicht umsonst „Sommerjobs“.

(20) Zu diesem Zeitpunkt lebte ich schon seit geraumer Zeit aus einem einzigen Koffer, was das spontane Umziehen für mich extrem leicht machte.

(21) Ich nehme an, du schlaues Kerlchen bzw. Kerlchinchen hast es richtig erkannt: Meine Prioritäten sind von Geld und materiellen Dingen hin zur Zeit gewandert.

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